Was britische Blutmessungen über Deutschland verraten – Mikronährstoffe | Martin Heinzmann

Was britische Blutmessungen über Deutschland verraten

Für die meisten Mikronährstoffe fehlen in Deutschland nationale Blut-Messdaten. Warum der Blick nach Großbritannien trotzdem legitim ist — und was die Zahlen zeigen.

Von Martin Heinzmann · Lebensmitteltechnologe (TUM) · Epigenetik & Ernährung

Wer wissen will, wie gut die deutsche Bevölkerung tatsächlich mit Mikronährstoffen — also Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen — versorgt ist, stößt auf ein überraschendes Problem: Die Daten fehlen weitgehend. Nicht weil niemand gefragt hätte, sondern weil kaum jemand hingeschaut hat. Deutschland hat mit der Nationalen Verzehrsstudie II eine der größten Ernährungserhebungen Europas durchgeführt — mit knapp 20.000 Teilnehmern. Blutproben hat man dabei nicht entnommen. Man weiß, was die Deutschen essen. Nicht, wie versorgt ihre Zellen sind.

Der einzige nationale Untersuchungs-Survey Deutschlands mit Laborproben — die DEGS1-Studie des Robert Koch-Instituts aus den Jahren 2008 bis 2011 — hat im Blut nur zwei Mikronährstoffe bestimmt: Vitamin D und Folat. Jod, Natrium und Kalium wurden über den Urin gemessen. Für alle anderen — Selen, Zink, Magnesium, die übrigen B-Vitamine, Vitamin C, Vitamin E — existiert für Deutschland kein einziger bevölkerungsrepräsentativer Blutwert.

Das einzige Land in Westeuropa, das regelmäßig und repräsentativ ein breites Mikronährstoff-Panel im Blut misst, ist Großbritannien — mit dem National Diet and Nutrition Survey (NDNS), einem jährlichen Rolling Programme seit 2008. Dieser Artikel beantwortet zwei Fragen: Erstens, warum es wissenschaftlich legitim ist, diese britischen Daten als Referenz für Deutschland zu nutzen. Und zweitens, was diese Daten konkret zeigen — einschließlich der entscheidenden Unterscheidung zwischen klinischen Grenzwerten und epigenetisch optimalen Zielwerten.

1. Die Datenlage: Was Deutschland weiß — und was nicht

Um zu verstehen, warum der Vergleich mit Großbritannien überhaupt nötig ist, lohnt ein nüchterner Blick auf das, was in Deutschland tatsächlich gemessen wurde. Die Antwort fällt kurz aus.

Nährstoff Deutschland: Blut gemessen? Großbritannien NDNS: Blut gemessen?
Vitamin D ✓ DEGS1 (2008–2011) ✓ jährlich, aktuell
Folat (Serum + Erythrozyten) ✓ DEGS1 (2008–2011) ✓ jährlich, aktuell
Jod (Urinausscheidung) ✓ DEGS1 (2008–2011) ✓ jährlich, aktuell
Selen ✗ nie bevölkerungsrepräsentativ gemessen ✓ NDNS 2000–2001 + Rolling Programme
Zink ✗ nicht gemessen ✓ NDNS
Magnesium ✗ nicht gemessen ✗ auch in GB nicht im Blut gemessen
Vitamin B12 ✗ nicht gemessen ✓ NDNS
Vitamin B1, B2, B6 ✗ nicht gemessen ✓ NDNS
Vitamin C (Plasma-Ascorbat) ✗ nicht gemessen ✓ NDNS
Vitamin E (α-Tocopherol) ✗ nicht gemessen ✓ NDNS
Homocystein (Marker des Methylierungsstoffwechsels) ✗ nicht gemessen ✓ NDNS
Der Kern des Problems:
Die Wahl ist nicht „britische Daten oder deutsche Daten". Sie ist „britische Daten oder gar keine Daten". Wer für Deutschland keine Aussage zu Selen, Zink oder den B-Vitaminen machen will, weil keine deutschen Blutwerte vorliegen, verschweigt das Problem — löst es aber nicht.

2. Warum britische Daten für Deutschland gelten dürfen

Die Verwendung von Messdaten aus einem Land als Referenz für ein anderes ist in der Ernährungsepidemiologie — der Wissenschaft, die untersucht, wie Ernährung und Gesundheit in Bevölkerungen zusammenhängen — eine anerkannte Methode. Die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nutzen exakt dieses Vorgehen in ihren Berichten: Sie greifen auf die methodisch stärksten verfügbaren Studien zurück und kennzeichnen die Herkunft der Daten transparent.

Voraussetzung für die Übertragbarkeit ist, dass die verglichenen Bevölkerungen in den relevanten Eigenschaften hinreichend ähnlich sind. Im Folgenden wird diese Ähnlichkeit für Deutschland und Großbritannien Schritt für Schritt belegt.

Biologische Vergleichbarkeit

Beide Bevölkerungen stammen überwiegend aus demselben mitteleuropäischen und nordeuropäischen Genpool. Genetische Unterschiede, die sich systematisch auf die Aufnahme oder den Stoffwechsel von Mikronährstoffen auswirken würden, sind zwischen Deutschland und Großbritannien auf Bevölkerungsebene nicht bekannt und wissenschaftlich nicht dokumentiert. Beide Länder liegen zwischen dem 47. und 61. Breitengrad nördlicher Breite — mit identischen Konsequenzen für die Vitamin-D-Produktion in der Haut: Von Oktober bis März reicht die Sonnenstrahlung in beiden Ländern nicht aus, um den Vitamin-D-Bedarf über die Haut zu decken.

3. Der Ernährungsvergleich: Deutschland und Großbritannien im Detail

Da die Versorgung mit Mikronährstoffen primär davon abhängt, was Menschen essen, ist der Ernährungsvergleich das entscheidende Argument für die Übertragbarkeit. Hier sind die wesentlichen Kategorien:

Hochverarbeitete Lebensmittel

Hochverarbeitete Lebensmittel — also Produkte, die industriell so stark verändert wurden, dass kaum noch originale Zutaten erkennbar sind (Fertiggerichte, industrielles Brot, Süßwaren, Softdrinks) — machen in Deutschland wie in Großbritannien zwischen 40 und 55 Prozent der täglich aufgenommenen Energiemenge aus. Diese Produkte sind charakteristisch arm an Mikronährstoffen: Der industrielle Verarbeitungsprozess zerstört oder entfernt Vitamine, Mineralien und sekundäre Pflanzenstoffe (also die gesundheitswirksamen Begleitstoffe in Pflanzen) systematisch.

Gemüse- und Obstkonsum

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt mindestens 400 Gramm Gemüse und Obst täglich. In Deutschland erreichen laut Nationaler Verzehrsstudie II nur rund 14 Prozent der Bevölkerung diesen Richtwert. In Großbritannien zeigen die NDNS-Daten, dass weniger als 30 Prozent die nationale „5-a-day"-Empfehlung (fünf Portionen täglich) erfüllen. Beide Länder liegen strukturell weit unter den Empfehlungen — mit entsprechend ähnlichen Folgen für pflanzliche Mikronährstoffe wie Folat, Vitamin C und Magnesium.

Fleisch- und Fischkonsum

Der Pro-Kopf-Fleischkonsum liegt in Deutschland bei rund 52 kg pro Jahr, in Großbritannien bei etwa 48 kg — ähnliche Größenordnungen, die zu vergleichbaren Beiträgen an Eisen, Zink und B-Vitaminen aus tierischen Quellen führen. Beim Fischkonsum besteht ein relevanter Unterschied: Großbritannien hat durch seine Küstentradition historisch einen etwas höheren Meeresfisch-Konsum. Da Meeresfisch die wichtigste natürliche Quelle für Jod und Selen ist, bedeutet das: Britische Blutwerte für diese Nährstoffe sind durch den höheren Fischkonsum tendenziell günstiger als entsprechende deutsche Werte.

Der wichtigste strukturelle Unterschied: Pflichtanreicherung

Pflichtfortifikation in GB — nicht in Deutschland:
Großbritannien reichert Nicht-Vollkornweizenmehl seit Jahrzehnten gesetzlich verpflichtend mit vier Nährstoffen an: Calcium, Eisen, Niacin (Vitamin B3) und Thiamin (Vitamin B1). Deutschland kennt keine vergleichbare Pflichtanreicherung.

Das bedeutet: Bei Calcium, Eisen, B1 und B3 sind britische Blutwerte durch diese „unsichtbare" Anreicherung tendenziell besser, als sie ohne Fortifikation wären. Wer diese Werte auf Deutschland überträgt, unterschätzt das deutsche Problem bei diesen Nährstoffen eher — die Übertragung ist also konservativ (das heißt: vorsichtig, nicht übertreibend).

Folsäure (Vitamin B9) — der entscheidende Sonderfall: Großbritannien hat eine verpflichtende Folsäure-Anreicherung von Mehl erst im November 2024 gesetzlich beschlossen; sie wird ab Ende 2026 verbindlich. Während des gesamten Zeitraums der hier verwendeten Folat-Blutdaten (2008–2019) war britisches Mehl also nicht mit Folsäure angereichert — exakt wie in Deutschland. Die britischen Folat-Blutwerte stammen damit aus einer ebenso unfortifizierten Bevölkerung wie der deutschen und sind für Folat besonders direkt übertragbar.
Ernährungsmerkmal Deutschland Großbritannien Konsequenz für Übertragbarkeit
Hochverarbeitete Lebensmittel ~45–50 % ~50–55 % ✓ Sehr ähnlich
Gemüse/Obst (Zielerfüllung) ~14 % erfüllen Empfehlung ~25–30 % erfüllen „5-a-day" ✓ Beide unzureichend
Fleischkonsum ~52 kg/Jahr ~48 kg/Jahr ✓ Sehr ähnlich
Fischkonsum Gering (Binnenland-Tradition) Etwas höher (Küstentradition) △ GB besser → DE-Werte (Se, Jod) wahrscheinlich schlechter
Pflicht-Fortifikation (Mehl) Nein Ja (Calcium, Eisen, Niacin/B3, Thiamin/B1); Folsäure erst ab Ende 2026 △ GB-Werte bei Ca, Fe, B1, B3 künstlich besser; Folat-Daten 2008–2019 noch unfortifiziert
Supplementierungsrate ~30–40 % ~40–50 % △ GB tendenziell etwas höher
Sonneneinstrahlung (Vitamin D) 47–55° Breitengrad 50–61° Breitengrad ✓ Beide mit strukturellem Winterdefizit
Zwischenfazit Ernährungsvergleich:
Wo Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien bestehen, gehen diese in aller Regel zugunsten Großbritanniens — höherer Fischkonsum, Pflichtfortifikation, höhere Supplementierungsrate. Das bedeutet: Wer britische Blutwerte auf Deutschland überträgt, nimmt tendenziell günstigere Ausgangsbedingungen an, als in Deutschland tatsächlich vorherrschen. Die Übertragung ist konservativ — sie unterschätzt das deutsche Problem eher, als es zu übertreiben.

4. Der empirische Beweis: Drei Nährstoffe, die alles bestätigen

Bisher war das Argument strukturell — auf Basis von Ernährungsmustern und biologischen Gemeinsamkeiten. Jetzt kommt das stärkste Argument: Für drei Nährstoffe liegen tatsächlich Blutmessungen aus beiden Ländern vor. Sie ermöglichen einen direkten Vergleich.

📐 Kleine Einheiten-Kunde — diese Messeinheiten kommen im Artikel vor:
EinheitAusgeschriebenBedeutung
nmol/LNanomol pro Literein Milliardstel Mol pro Liter Blut — Standardeinheit z. B. für Vitamin D und Folat
pmol/LPikomol pro Literein Billionstel Mol pro Liter Blut; tausendmal kleiner als nmol/L — verwendet für Vitamin B12
µmol/LMikromol pro Literein Millionstel Mol pro Liter Blut; tausendmal größer als nmol/L — verwendet für Homocystein
µg/LMikrogramm pro Literein Millionstel Gramm pro Liter Blut — verwendet für Selen und Ferritin
„Mol" ist das chemische Maß für eine bestimmte Anzahl von Teilchen. Laborwerte werden meist in Mol-Einheiten pro Liter angegeben, weil dadurch unterschiedlich schwere Stoffe vergleichbar werden.
Nährstoff Deutschland (DEGS1, 2008–2011) Großbritannien (NDNS) Übereinstimmung
Vitamin D ~62 % unter 50 nmol/L im Winterhalbjahr; ~30 % ganzjährig unter 30 nmol/L >60 % unter 50 nmol/L; >20 % unter 25 nmol/L; Mittelwert 43–51 nmol/L ✓ Strukturell identisch; DE leicht schlechter
Folat 86 % der Erwachsenen mit ausreichendem Serumfolat; aber nur 3–4 % der Frauen im gebärfähigen Alter erreichen optimales Erythrozytenfolat 52 % unter möglicher Mangelgrenze (Serumfolat); 90 % der Frauen unter NTD-Schutzgrenze (RBC-Folat) ✓ Gleiches Muster: Oberfläche „ok", Langzeitstatus kritisch
Jod Medianer Jodwert grenzwertig; ohne Jodsalz: 96 % unter Empfehlung Rückläufige Versorgung; Frauen häufig unter 65 µg/L (mild mangelversorgt) ✓ Beide grenzwertig; GB in neueren Daten sogar schlechter als DE
Das entscheidende empirische Argument:
Bei allen drei Nährstoffen, für die ein direkter Vergleich möglich ist, zeigen Deutschland und Großbritannien strukturell identische Versorgungsmuster: ähnliche Häufigkeiten für Unterversorgung, dieselben Risikogruppen, dieselbe Richtung der Versorgungsprobleme. Wenn drei unabhängig gemessene Nährstoffe in beiden Ländern dasselbe Muster zeigen, ist das ein starkes Indiz dafür, dass auch die nicht gemessenen Nährstoffe vergleichbar sind.

Das Selen-Argument: Warum GB-Daten für DE sogar konservativ sind

Großbritannien importiert traditionell größere Mengen an Getreide aus Nordamerika (USA, Kanada) — Länder mit selenreicheren Böden. Das ist ein struktureller Vorteil für die britische Selen-Versorgung, den Deutschland nicht hat. Deutsche Böden gelten als selenärmer, und Deutschland importiert weniger nordamerikanisches Getreide.

Das konservative Selen-Argument:
Wenn selbst die britische Bevölkerung — mit dem strukturellen Vorteil nordamerikanischen Getreides — laut NDNS suboptimale Selen-Blutwerte aufweist, dann ist die begründete Schlussfolgerung: In Deutschland ist die Lage mindestens genauso problematisch, wahrscheinlich schlechter. Die Übertragung britischer Selen-Daten auf Deutschland ist damit nicht nur zulässig — sie unterschätzt das deutsche Problem eher.

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5. Was „ausreichend" wirklich bedeutet: Die drei Schwellenwerte

Bevor wir die konkreten NDNS-Messwerte betrachten, müssen wir eine grundlegende Frage klären: Wann gilt ein Nährstoff als „ausreichend versorgt" im Blut? Die Antwort hat drei Ebenen — und die meisten Menschen kennen nur die erste.

Die drei Schwellenwerte:

Ebene 1 — Klinischer Mangel: Unterhalb dieser Grenze entstehen akute Krankheitssymptome. Das ist der Wert, der beim Arzt als „Mangel" gewertet wird.

Ebene 2 — D-A-CH-Referenzwert (klinisch „ausreichend"): Ausreichend, um Mangelkrankheiten zu verhindern. Das ist der Wert in den offiziellen D-A-CH-Empfehlungen (Deutschland, Österreich, Schweiz).

Ebene 3 — Epigenetisch optimal: Der Wert, bei dem ein Nährstoff seine volle biologische Funktion für die Gensteuerung, die Immunregulation und die DNA-Methylierung (das epigenetische „Markierungssystem" des Erbguts) entfaltet. Dieser Wert liegt systematisch höher als der klinische Referenzwert.

Wer sich vom Hausarzt bestätigen lässt, dass die Werte „im Normbereich" liegen, bekommt in aller Regel nur die Auskunft über Ebene 1 oder Ebene 2. Ob die Versorgung für optimale Zellfunktion und epigenetische Gesundheit ausreicht — das prüft ein Standard-Blutbild nicht.

Nährstoff ⚠ Klinischer Mangel △ D-A-CH „ausreichend" ✓ Epigenetisch optimal
Vitamin D (25-OH-D Serum) < 25 nmol/L 50–75 nmol/L > 75 nmol/L
Ziel: 100–125 nmol/L
Folat (Erythrozyten-Folat) < 148 nmol/L 340–1020 nmol/L > 900 nmol/L
NTD-Schutz: > 748 nmol/L
Vitamin B12 (Serum) < 150 pmol/L 221–895 pmol/L > 500 pmol/L
Selen (Plasma) keine offiz. Mangeldefinition keine offiz. Blutreferenz > 90 µg/L
(GPx-Enzymsättigung)

GPx = Glutathionperoxidase — ein selenabhängiges Enzym, das Körperzellen vor oxidativem Stress (schädlichen freien Radikalen) schützt. Erst ab ca. 90 µg/L Plasma-Selen arbeitet dieses Enzym auf voller Kapazität.

6. Vitamin D: Das Drei-Ebenen-Problem am konkreten Beispiel

Vitamin D ist kein gewöhnlicher Nährstoff — es ist ein Steroidhormon (ein körpereigener Botenstoff, der wie ein Hormon wirkt), das im Zellkern an den Vitamin-D-Rezeptor (VDR) bindet. Dieser Rezeptor dockt dann an Tausende von Stellen im Erbgut an und reguliert dort, welche Gene aktiv oder inaktiv sind. Aktuelle Forschung zeigt: VDR reguliert über 200 primäre Zielgene — Gene für Immunabwehr, Zellwachstum, Entzündungshemmung und die DNA-Methylierung selbst.

Zwei Formen — warum die Messung leicht in die Irre führt:
Wenn vom „Vitamin-D-Wert" die Rede ist, ist fast immer 25-OH-D (Calcidiol) gemeint — die Speicherform im Blut und der Standardwert für die Statusdiagnose. Die biologisch aktive Form ist dagegen 1,25-OH-D (Calcitriol) — das eigentliche Hormon, das in die Zellen gelangt und den Vitamin-D-Rezeptor aktiviert.

Entscheidend: Die Umwandlung von der Speicher- in die aktive Form braucht Magnesium als Cofaktor (Hilfsstoff des umwandelnden Enzyms). Bei Magnesiummangel kann die zelluläre Wirkung also selbst dann unvollständig sein, wenn der gemessene 25-OH-D-Speicherwert „in Ordnung" aussieht. Für ein vollständiges Bild gehören daher streng genommen drei Werte zusammen: 25-OH-D, 1,25-OH-D und das Vollblut-Magnesium (aussagekräftiger als das übliche Serum-Magnesium).

Warum der Unterschied epigenetisch so bedeutsam ist

Vitamin D reguliert das Epigenom auf mehreren Wegen gleichzeitig: Es verändert die Zugänglichkeit von Chromatin (der verpackten Form des Erbguts), beeinflusst Histon-Modifikationen (chemische Markierungen an den Eiweißkörpern, um die das Erbgut gewickelt ist) und wirkt direkt auf DNA-Methylierungsmuster ein. Studien zeigen: Bei 25-OH-D-Werten unter 75 nmol/L ist diese epigenetische Wirkung unvollständig. Das Epigenom — die gesamte Steuerungsschicht der Gene — bleibt unter seinem biologischen Potenzial. Für mehr als 80 % der westeuropäischen Bevölkerung ist Vitamin D damit ein dauerhaft unteraktivierter Schalter im Erbgut.

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7. Die NDNS-Laborwerte: Was das Blut wirklich zeigt

Das NDNS misst jährlich rund 1.000 Personen aller Altersgruppen — kumuliert über 15 Jahre sind das mehr als 16.000 Teilnehmer. Blut- und Urinproben werden im Nutritional Biomarker Laboratory der Cambridge-Universität (MRC Epidemiology Unit) analysiert. Die nachfolgenden Daten stammen aus den NDNS-Jahren 9–11 (2016/2017 bis 2018/2019) sowie ergänzenden Analysen der Vorjahre. Alle Zahlen sind aus Primärquellen verifiziert.

Transparenz-Hinweis: Diese Messwerte stammen aus Großbritannien. Wie in den vorangehenden Abschnitten hergeleitet, sind sie auf Basis der strukturellen Ernährungsähnlichkeit und der empirischen Konsistenz bei Vitamin D, Folat und Jod als belastbare Referenz für Deutschland verwendbar. Wo Unterschiede bestehen, gehen diese in aller Regel zugunsten Großbritanniens — die Übertragung ist damit konservativ (unterschätzend) für Deutschland.

Vitamin D

43–51
nmol/L — Mittelwert der Erwachsenenbevölkerung.
Liegt bereits unterhalb des D-A-CH-Zielwerts von 50 nmol/L.
>60 %
der Erwachsenen unter dem D-A-CH-Zielwert von 50 nmol/L
>20 %
der Erwachsenen unter der klinischen Mangelgrenze von 25 nmol/L
>80 %
der Bevölkerung unter dem epigenetischen Optimalwert von 75 nmol/L (Schätzung)
Quellen: Pujol et al. (2020), PMC7353432: NDNS 2008–2012, n=4.770. NHS Bristol Vitamin D Reference Ranges. NDNS Years 9–11, Public Health England.

Folat — ein alarmierender Trend

Folat (Vitamin B9) ist für die DNA-Methylierung unersetzlich — es liefert die Methylgruppen, die wie Schaltermarkierungen auf dem Erbgut sitzen. Ohne ausreichend Folat gerät das epigenetische Steuerungssystem aus dem Gleichgewicht.

52 %
aller Erwachsenen (19–64 J.) unter der Grenze für möglichen Mangel (13 nmol/L Serum-Folat)
13 %
der Frauen im gebärfähigen Alter unter der klinischen Mangelgrenze (<7 nmol/L)
~90 %
der Frauen (16–49 J.) unter der NTD-Schutzgrenze im Erythrozyten-Folat (748 nmol/L)
−31 %
Rückgang des Erythrozyten-Folats seit 2008 bis 2019 (2–3 % pro Jahr, statistisch signifikant)
Was „NTD-Schutzgrenze" bedeutet:
NTD steht für Neuralrohrdefekt — eine schwerwiegende Fehlbildung des Rückenmarks (zum Beispiel Spina bifida), die in den ersten Wochen der Schwangerschaft entsteht, oft bevor die betroffene Frau überhaupt weiß, dass sie schwanger ist. Dass mittlerweile rund 90 % der britischen Frauen im gebärfähigen Alter diesen Schutzwert nicht erreichen — der Anteil stieg über 11 Messjahre von etwa 69 % auf 89 % — war das entscheidende Argument für die Einführung einer verpflichtenden Folsäure-Anreicherung von Mehl in Großbritannien. Diese wurde im November 2024 gesetzlich beschlossen und wird ab Ende 2026 verbindlich. Deutschland hat eine solche Pflichtanreicherung bis heute nicht einmal beschlossen.
Quellen: NDNS Years 9–11 (2016–2019), Public Health England / UKHSA. MRC Epidemiology Unit Cambridge (2020). nutrition.org.uk — Key findings NDNS Years 9–11.

Selen — das unsichtbare Spurenelement

Selen ist ein lebenswichtiges Spurenelement — der Körper braucht es in winzigen Mengen, aber es ist unverzichtbar. Es ist aktiver Bestandteil von 25 sogenannten Selenoproteinen (Eiweißstoffe, die Selen eingebaut haben). Das bekannteste davon ist die Glutathionperoxidase (GPx) — das zentrale Antioxidans-Enzym, das Körperzellen vor schädlichen freien Radikalen schützt. Erst ab etwa 90 Mikrogramm Selen pro Liter Blutplasma ist dieses Enzym vollständig aktiv.

~85
µg/L — Median-Plasma-Selen britischer Erwachsener.
Liegt unter dem biologisch wirksamen Schwellenwert von 90 µg/L.
63,8 %
aller Erwachsenen unter dem GPx-Sättigungsschwellenwert von 90 µg/L — also unter dem Wert, bei dem das Antioxidans-Enzymsystem vollständig aktiv ist.
~50 %
der Frauen mit Selen-Zufuhr unter dem britischen Mindestbedarf (LRNI)
~26 %
der Männer mit Selen-Zufuhr unter dem Mindestbedarf (LRNI)
Quellen: Stranges et al. (2010), J Nutrition, PMC2793123: NDNS 2000–2001 (n=1.042 Erwachsene). Gibson SE et al. (2018), Frontiers in Nutrition, PMC6060686. Rayman MP (2012), The Lancet: GPx-Schwellenwert >90 µg/L.

Vitamin B12 — das Zufuhr-Status-Paradox

Vitamin B12 ist zusammen mit Folat der wichtigste Lieferant von Methylgruppen — jenen chemischen Bausteinen, mit denen Gene epigenetisch an- und abgeschaltet werden. Die NDNS-Daten zeigen hier ein aufschlussreiches Paradox.

3,8
µg/Tag — mittlere B12-Aufnahme mit der Nahrung.
Liegt über dem offiziellen britischen Referenzwert (RNI). Scheinbar ausreichend.
12,4 %
der Frauen im gebärfähigen Alter mit klinischem B12-Mangel im Blut (<150 pmol/L Serum-B12) — trotz ausreichender Zufuhr.
21,2 %
mit erhöhtem Homocystein (>12 µmol/L) — einem funktionellen Marker für gestörten Methylierungsstoffwechsel. Jede fünfte Frau.

Homocystein (ein Stoffwechselprodukt, das bei unzureichender B12- und Folat-Versorgung ansteigt) ist für die Epigenetik besonders relevant: Ein erhöhtes Homocystein zeigt an, dass der Methylierungskreislauf — die biochemische Grundlage der Gensteuerung — nicht optimal läuft. 21 % bedeutet: Jede fünfte untersuchte Frau hat einen gestörten epigenetischen Steuerungskreislauf.

Das Kernprinzip dieses Befundes:
96 % der Frauen aßen mehr B12 als der Referenzwert vorschreibt — und trotzdem hatte mehr als jede achte einen klinischen Mangel im Blut. Das ist der empirische Beweis für das zentrale methodische Problem aller Ernährungssurveys ohne Blutmessung: Zufuhr ist nicht gleich Versorgung.
Quelle: Sukumar N et al. (2016), BMJ Open, PMC4985863, DOI: 10.1136/bmjopen-2016-011247: Zwei NDNS-Kohorten (2000/2001 und 2008/2012), n=299 Frauen im gebärfähigen Alter.

Eisen und Ferritin — das geschlechtsspezifische Problem

Ferritin ist der Eiweißkörper, in dem Eisen gespeichert wird. Ein Ferritin-Wert unter 15 µg/L bedeutet: Die Eisenspeicher sind leer — auch wenn noch keine Blutarmut (Anämie) messbar ist. Dieser Zustand — volle Speicher-Leere, aber noch kein klinisches Symptom — wird als „latenter Eisenmangel" bezeichnet.

41 %
der Mädchen (15–18 J.) mit Ferritin unter 15 µg/L — also mit vollständig leeren Eisenspeichern
21 %
der Mädchen (15–18 J.) mit einer nachweisbaren Blutarmut (Anämie)
25 %
der Frauen (19–64 J.) mit Eisenzufuhr unter dem britischen Mindestbedarf (LRNI)
Quellen: NDNS Rolling Programme, Public Health England / UKHSA — Blutstatus-Auswertungen (Ferritin, Anämie) bei Mädchen 11–18 Jahre. Zur einkommensabhängigen Eisen- und Zinkzufuhr: Dunlop E et al. (2022), Nutrients, PMC9510520 (NDNS Years 7&8).

Gesamtübersicht: Alle NDNS-Befunde auf einen Blick

Nährstoff Schlüsselbefund (Blut oder Zufuhr) Betroffene Gruppe Bewertung
Vitamin D Mittelwert 43–51 nmol/L; >60 % unter Zielwert; >20 % unter Mangelgrenze Alle Erwachsenen Kritisch
Folat (Serum) 52 % unter möglicher Mangelgrenze; −31 % Rückgang seit 2008 Alle Erwachsenen Kritisch + negativer Trend
Folat (RBC) ~90 % der Frauen unter NTD-Schutzgrenze Frauen 16–49 J. Kritisch
Selen 63,8 % unter GPx-Sättigungsschwelle; Median ~85 µg/L Alle Erwachsenen Kritisch
Vitamin B12 12,4 % klinischer Mangel trotz ausreichender Zufuhr; 21 % erhöhtes Homocystein Frauen im gebärfähigen Alter Suboptimal; Zufuhr ≠ Versorgung
Eisen / Ferritin 41 % der Mädchen mit leeren Eisenspeichern; 21 % mit Anämie Mädchen und Frauen Kritisch bei Frauen
Magnesium 19 % der 20–29-Jährigen unter Mindestbedarf (Zufuhr); Blut nie gemessen Junge Erwachsene Datenlücke; Zufuhr problematisch
Jod Rückläufige Versorgung; Frauen häufig unter 65 µg/L (WHO-Grenze) Frauen, Kinder Grenzwertig, Trend negativ
Zink Männer mit signifikanten Unterschreitungen; Zufuhr unter Referenzwert Männer, junge Erwachsene Suboptimal
Riboflavin (B2) 2–3 % jährlicher Rückgang der Zufuhr (signifikant bei Kindern und Frauen) Kinder, ältere Frauen Negativer Trend

8. Was diese Zahlen in Summe bedeuten

Die NDNS-Daten zeichnen ein klares Bild: Selbst in einer westeuropäischen Bevölkerung mit gut entwickelter Lebensmittelversorgung und einem der weltweit besten Gesundheitssysteme sind Mikronährstoff-Unterversorgungen nicht die Ausnahme — sie sind weit verbreitet. Bei Selen unterschreiten fast zwei Drittel der Erwachsenen den biologisch wirksamen Schwellenwert. Bei Folat sinken die Blutspiegel seit über einem Jahrzehnt messbar. Bei Vitamin D liegt der Bevölkerungsmittelwert unter dem klinischen Zielwert — und weit unter dem epigenetischen Optimalwert.

Die drei wichtigsten Erkenntnisse aus den NDNS-Daten:

1. Der Mittelwert ist das Problem, nicht die Ausnahme. Bei Vitamin D liegt der Durchschnitt der britischen Erwachsenen bereits unterhalb des klinischen Zielwerts. Das ist kein Randphänomen — das ist der Bevölkerungsdurchschnitt.

2. Zufuhr ist nicht gleich Versorgung. Das B12-Paradox (96 % essen ausreichend — 12 % haben trotzdem klinischen Mangel) belegt wissenschaftlich, warum Ernährungsumfragen ohne Blutproben das Problem systematisch unterschätzen.

3. Der Abstand zum epigenetischen Optimalwert ist größer als gedacht. Wer „im Normbereich" liegt, hat noch längst nicht die Versorgung, die für optimale Genexpression, Immunregulation und DNA-Methylierung nötig wäre.

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9. Fazit: Schweigen ist keine bessere Alternative

Die Frage, ob es legitim ist, britische Blutmesswerte für Deutschland zu verwenden, hat eine klare Antwort: Ja — wenn die Herleitung sorgfältig und transparent erfolgt. Fünf Argumente tragen dieses Urteil:

  1. Strukturell ähnliche Ernährungsmuster: Hoher Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel, unzureichender Gemüsekonsum, vergleichbarer Fleischkonsum, identische Sonneneinstrahlung — beide Länder teilen die entscheidenden Risikofaktoren.
  2. Empirische Konsistenz: Bei den drei Nährstoffen, für die beide Länder Blutmessungen haben (Vitamin D, Folat, Jod), stimmen die Versorgungsmuster strukturell überein.
  3. Konservative Richtung: Wo Unterschiede bestehen — Fortifikation, Fischkonsum, Supplementierung — sind diese zugunsten Großbritanniens. Die Übertragung unterschätzt das deutsche Problem eher, als es zu übertreiben.
  4. Keine Alternative: Die Wahl ist nicht „GB-Daten oder deutsche Daten". Sie ist „GB-Daten oder gar keine Daten". Das Schweigen wäre keine wissenschaftlich überlegene Option.
  5. Internationaler Standard: Dieses Vorgehen entspricht der WHO- und EFSA-Praxis und ist in der Ernährungsepidemiologie etabliert.
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1. Kein Ersatz für medizinischen Rat: Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und Bildung. Sie ersetzen in keinem Fall die individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung durch einen Arzt oder andere qualifizierte Gesundheitsfachkräfte. Bitte konsultiere bei gesundheitlichen Fragen stets einen Arzt.

2. Risikogruppen: Menschen mit bestehenden Erkrankungen, Schwangere, Stillende, Diabetiker sowie Personen, die Medikamente einnehmen, sollten vor Änderungen ihrer Ernährung oder Supplementierung grundsätzlich ärztlichen Rat einholen.

3. Studienvorbehalt: Die referierten wissenschaftlichen Studien spiegeln den aktuellen Forschungsstand wider, können jedoch durch neue Erkenntnisse ergänzt oder revidiert werden. Einzelstudien erlauben keine abschließenden Urteile über Kausalzusammenhänge.

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Quellen & Literatur

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  2. Pujol MV et al. (2020). Vitamin D Serum Levels in the UK Population. Nutrients, PMC7353432. DOI: 10.3390/nu12072166
  3. Stranges S et al. (2010). Higher Selenium Status is Associated with Adverse Blood Lipid Profile in British Adults. Journal of Nutrition, PMC2793123. DOI: 10.3945/jn.109.113084
  4. Sukumar N, Adaikalakoteswari A, Venkataraman H, Maheswaran H, Saravanan P (2016). Vitamin B12 status in women of childbearing age in the UK and its relationship with national nutrient intake guidelines. BMJ Open, 6(8):e011247, PMC4985863. DOI: 10.1136/bmjopen-2016-011247
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  6. Dunlop E et al. (2022). Influence of income on iron and zinc intake: NDNS Years 7&8. Nutrients, PMC9510520. DOI: 10.3390/nu14183806
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Über den Autor

Martin Heinzmann ist Lebensmitteltechnologe (TUM) und beschäftigt sich seit Jahren mit den Schnittstellen von Ernährung, Epigenetik und Gesundheit. Er schreibt Bücher, entwickelt Software und veröffentlicht regelmäßig Artikel auf martin-heinzmann-service.de. Sein YouTube-Kanal: @MHeinzmann-ek2yx.

Seine Frau Antje Heinzmann bietet professionelles Epigenetik-Coaching an.

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